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Jigoro Kano und Hélio Gracie
20.01.2025
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Hat das Jiu Jitsu seinen Ursprung im Judo? Oder stammt das Judo aus dem Jiu Jitsu? Verfechter des Judos vertreten die Auffassung, dass das Gracie Jiu Jitsu seine Existenz dem Kōdōkan Judo verdankt. Andere wiederum behaupten, dass es sich dabei um zwei identische Kampfkünste handelt. Bei diesem Thema kommen Kampfkünstler auf keinen gemeinsamen Nenner. Dabei existieren sowohl Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede zwischen den beiden Kampfkünsten. Ausserdem spielt im BJJ der Bodenkampf eine weitaus grössere Rolle als im Judo. Das ist ein kleiner Unterschied, der jedoch im Hinblick auf die Selbstverteidigung einen grossen Effekt erzielt.

Jigoro Kano gilt als der Gründervater des Kōdōkan Judo. Hélio Gracie wiederum hat das Brazilian Jiu-Jitsu entwickelt. In dieser Hinsicht driften jedoch die Meinungen der Kampfkünstler, die entweder BJJ oder Judo praktizieren, weit auseinander. Gerade Anhänger von Jigoro Kano vertreten die Auffassung, dass Hélio Gracie nicht mit dem Ersteren zu vergleichen sei.

Allerdings dient ein wichtiges Argument zur Entkräftung dieser Sichtweise: In der Geschichte haben sich stets die Aussagen der Gewinner durchgesetzt. Deshalb sind die Aussagen der Anhänger von Jigoro Kano, mit Vorsicht zu geniessen. Dennoch hegen selbst Kampfkünstler, die BJJ ausüben, keinen Zweifel daran, dass Kōdōkan Judo die Liste der Kampfkünste anführt. BJJ-Kampfkünstler respektieren Jigoro Kano. Darüber hinaus handelt es sich beim Kōdōkan Judo um einen Stil, der seine Existenz dem Jiu-Jitsu verdankt.

Trotzdem lohnt es sich, einen Blick auf die Gründe zu werfen, die Jigoro Kano dazu bewegten, seine Kampfkunst umzubenennen. Wobei er den Namen des bekannten Jiu-Jitsu Stils nicht änderte. Er nutzte den Terminus Judo, der bereits seit Langem existierte.

Die wenig bekannte Bedeutung von Ju

Judo enthält die Vorsilbe Ju, deren Übersetzung aus dem japanischen flexibel und sanft lautet. Do steht für den Weg. Somit lautet das Synonym für Judo: der sanfte Weg. Gerade die genaue Analyse des Schriftzeichens Ju, das in Japan mit dem Kanji-Zeichen wiedergegeben wird, dient als wichtige Grundlage für die Beschreibung der Herkunft des Judos. Denn das Ju-Zeichen deutet darauf hin, dass Judo ein Stil des Jiu-Jitsus ist.

Was spricht dafür, dass Judo aus dem Jiu-Jitsu entstanden ist? Die Hebel-, Wurf- und Würgetechniken weisen auf die Verwandtschaft der Kampfkünste hin. Doch die Guard-Stellung fungiert als eindeutiger Hinweis, dass Jigoro Kano seine Techniken mithilfe des Jiu-Jitsus entwickelt hat. Denn diese Stellung hat seinen Ursprung im Jiu-Jitsu und keineswegs im Judo.

Darüber hinaus bestand das Hauptziel darin, den Gegner durch einen Halte- oder Würgegriff zu einer Kampfaufgabe zu bewegen. Würfe standen im Hintergrund und dienten als Schmuckstück. Ferner existierten in der Edo-Zeit in Japan zahlreiche Stile des Jiu-Jitsus. Sie waren für Jigoro Kano eine Inspiration für das Judo, das er mithilfe der Wurf- und Hebeltechniken entwickelte.

Weist das Kōdōkan Judo Ähnlichkeiten mit dem Brazilian Jiu Jitsu von Hélio Gracio auf?

Die Antwort auf die Frage lässt sich eindeutig verneinen. Sowohl das Training als auch das pädagogische System, das Hélio Gracie führte, unterscheiden sich von Jigoro Kanos Wissensvermittlungsmethoden. Das Kōdōkan Judo glich einer universitären Ausbildung, denn es gab eine Tafel, auf der die Techniken aufgeführt waren. Nach wie vor existieren Bücher, die die Fallübungen, Würfe und Hebel abbilden und beschreiben. Auch die Graduierung im Judo läuft anders ab als im BJJ. Ferner haben die Gürtelfarben in den beiden Kampfkünsten nicht dieselbe Bedeutung.

Trotz der Unterschiede sind auch Ähnlichkeiten vorhanden, obwohl es sich um zwei verschiedene Kampfkunstarten handelt. Nicht nur der Unterricht der Selbstverteidigung läuft anders ab, sondern auch die pädagogische Sichtweise der Lehrer auf die Schüler weist Unterschiede auf.

Im Vergleich zum Judo ist das BJJ weniger strukturiert. Es ist freier. Was bedeutet das im Kontext der Wissensvermittlung? Lehrer haben mehr Möglichkeiten, die persönliche Seite ihrer Schüler kennenzulernen. Sie lassen ihnen den Freiraum, im Kampf so zu agieren, wie sie es für richtig halten. Selbstverständlich schlägt ein Jiu-Jitsu-Lehrer Verbesserungsmöglichkeiten vor.

Wo ist der Unterschied zwischen BJJ und Judo?

Beide Kampfkunstarten enthalten Wurf- und Grapplingtechniken. Judo fixiert sich auf die verschiedenen Wurftechniken und betrachtet den Bodenkampf als einen Zusatz. Das Gracie Jiu Jitsu wiederum fokussiert sich auf die Bodentechniken. Demzufolge liegt das Augenmerk nicht auf den Würfen.

Judo ist eindeutig strukturiert. BJJ wiederum integriert den menschlichen Instinkt in das Training. Im Gracie Jiu Jitsu agiert der Lehrer als Mittel zum Zweck. Denn die Schüler entwickeln im Laufe der Zeit eine Unabhängigkeit. Wenn sie Fragen zu den Würfen, Hebeln oder Würgegriffen haben, lässt der Lehrer sie zunächst die Technik unter Beachtung ihrer Frage durchführen, ehe er ihnen weitere Ratschläge erteilt. Dadurch sind sie in der Lage, sich in der Kunst der Selbstverteidigung weiterzuentwickeln. Gleichwohl leugnet niemand die Tatsache, dass Hélio Gracie wertvolles Wissen aus dem Judo erworben hat. Allerdings hält sich in der Welt der Kampfkünste das Gerücht, Jiu-Jitsu sei Judo. Das trifft jedoch nicht zu.

Manche Verfechter des Judos neigen dazu, starke Emotionen zuzulassen. Sie hegen Hass gegenüber Hélio Gracie. Dabei handelt es sich um eine Sichtweise, die weder das Kōdōkan Judo noch das Brazilian Jiu Jitsu unterstützt. In beiden Kampfkünsten ist Hass deplatziert.

Die unbekannte Rolle von Jigoro Kano im Kōdōkan Judo

Es gibt immer noch Judo-Schulen, die mit dem Shintoismus verbunden sind. In diesem Räumen hängt von Jigoro Kano ein grosses Bild an der Wand. Die Schüler verbeugen sich aus der Knieposition zu Beginn und am Ende des Unterrichts vor seinem Porträt. Das verleiht ihm nahezu einen Heiligenstatus, weshalb jegliche Kritik strengstens untersagt ist. Jigoro Kano hat sich stets auf die Würfe aus dem Stand heraus konzentriert, denn laut ihm findet Selbstverteidigung im Stehen und nicht auf dem Boden statt.

Warum war Jigoro Kano ein einflussreicher und angesehener Mann in Japan? Er stammte aus einer hoch angesehenen Familie, die sowohl in der Produktion von Gütern als auch im Verkauf tätig war. Sein Ansehen basiert jedoch keineswegs auf seiner Herkunft, sondern auf seinem Unterricht, der zu einer Weiterentwicklung der Kampfkünste beigetragen hat.

Wer gewinnt im Falle eines Kampfes: Brazilian Jiu Jitsu oder Judo?

Einst fand ein Wettkampf zwischen Kampfkünstlern aus dem Brazilian Jiu Jitsu und aus dem Judo statt. Allerdings hat Jigoro Kano die Regeln für diesen Wettkampf aufgestellt. Wie lauteten die Bedingungen, unter denen die Kampfkünstler kämpften? Er fand im Stand statt. Es gab keinen Bodenkampf. Da sich Judo lediglich auf Würfe fokussiert, gingen die Judoka aus diesem Kampf als Sieger hervor. Dank dieser Ergebnisse stieg Judo in Japan zu einer führenden Kampfkunst auf. Obwohl die Judoka diesen Wettkampf gewannen, gab es dennoch Anwesende, die den Kampf auf dem Boden weiterführen wollten – vergeblich.

Die unterschätzten Schwierigkeiten der Wurftechniken

Wurftechniken, wie Schulter-, Hüft- oder Beinwürfe, funktionieren in der Praxis gut, sofern der Gegner ungefähr gleich gross und gleich schwer ist. Auf diesen beiden Kriterien basiert der Kampf im Judo. In der Praxis trifft das kaum zu. Eine Person, die kleiner und physisch schwächer ist als ihr Angreifer, hat in der Regel Schwierigkeiten, den Gegner auf den Boden zu werfen. Das trifft zwar nicht immer zu, dennoch hat das die Realität bestätigt. In einem Bodenkampf beweist die Wirklichkeit das Gegenteil – oder zumindest belegt sie nicht die Regeln, die in einem Kampf im Stand dominieren. Selbstverständlich gewinnt im Bodenkampf derjenige, der sich auf dem Grund besser zurechtfindet. Allerdings funktioniert Selbstverteidigung nicht nach den Wettkampfregeln eines Judo-Kampfes. Niemand schreibt vor, dass ein Kampf lediglich im Stehen beginnt und im Stand endet. Im Ernstfall wird auf dem Boden weitergekämpft. Da das Brazilian Jiu Jitsu seinen Fokus auch auf den Bodenkampf legt, dient es als ideale Kampfkunst, Selbstverteidigung zu praktizieren.