zurück
Hat Hélio Gracie Jiu Jitsu erfunden?
19.03.2024
img

Hélio Gracie unterrichtete Brazilian Jiu Jitsu, er gab gerne sein Wissen an die Schüler weiter, die regelmässig seinen BJJ Unterricht aufsuchten und ihn als Lehrer dieser Kampfkunst wertschätzten. Er war ein Trainer, der einen hohen Wert auf eine intakte Lehrer-Schüler-Beziehung setzte. Denn es war ihm wichtig, eine Verbindung zu seinen Schülern herzustellen. Ihm war bewusst, dass er nur so in der Lage war, mithilfe seiner Techniken, die er lehrte, das Leben einer Person zu verändern.

Was sind die wichtigsten Beiträge von Hélio Gracie zum Brazilian Jiu Jitsu?

Bereits als 19-jähriger praktizierte Hélio Gracie BJJ mit einem offenen Geist, der nach neuen Ideen strebte. Er bezeichnete sich selbst als Lehrer und Kampfkünstler, der bereit war, Neues zu erlernen. Auch fand er gefallen an einer Mischung aus unterschiedlichen Arten der Selbstverteidigung. Um sein Wissen zu verbessern, lud er in seinen Dojo Kampfkünstler ein. Zu diesen zählten Personen, die Capoeira oder Boxen praktizierten.

Seine Fähigkeiten, Tritte mit den Beinen durchzuführen, sind auf sein Training mit Kampfkünstlern, die Capoeira praktizierten, zurückzuführen. Er lernte von ihnen. Der damalige Capoeira-Stil ist jedoch keineswegs mit dem heutigen Capoeira, gleichzusetzen. Hélio Gracie war sich darüber im Klaren, dass das BJJ als Kampfkunst zwar komplett war, allerdings fehlten noch gewisse Elemente. Er war ein Kämpfer, der sich darüber bewusst war, dass die Nutzung der Techniken, die Kampfkunst beeinflusst.

In Japan dominierte in den Kämpfen ein Punktesystem. Ein einwandfreier Wurf ergab die volle Punktzahl. Hélio Gracie war nicht bereit, sich diesem Punktesystem anzuschliessen. Denn er vertrat – zu Recht – die Auffassung, dass sich ein Kampf entweder mithilfe einer Unterwerfung oder einem Knock-Out gewinnen lässt. Deshalb war die Art der Selbstverteidigung sowie das BJJ von Hélio Gracie minimalistisch geprägt. Doch minimalistische Ansätze sind äusserst schwer, zu erreichen.

Ein guter Lehrer fühlt seinen Schüler

Gute Lehrer spüren die Fähigkeiten ihrer Schüler. Sie wissen, worauf es ankommt, um deren Kenntnisse in Selbstverteidigung sowie im Gracie Jiu Jitsu, zu verbessern. Hélio Gracie legte seinen Fokus auf den sogenannten Deep Talk mit seinen Schülern. Oberflächlichkeiten waren im Brazilian Jiu Jitsu deplatziert. Manche Kampfkünste zielen darauf ab, die Anzahl der Techniken hoch zu halten. Allerdings gehört das Brazilian Jiu Jitsu nicht zu den Verfechtern dieser Vorgehensweise, denn Kampfkünstler verlieren sich in einem Meer von Techniken. Das Ziel besteht darin, das Sprichwort von Bruce Lee, in die Tat umzusetzen: Es ist besser eine Technik 10’000 Mal zu üben, anstatt 10’000 Techniken ein einziges Mal auszuführen.

Die unterschätzte Bereitschaft für ein lebenslanges Lernen dominierte beim Gracie Jiu Jitsu

Hélio Gracie war ein Kämpfer und ein Lehrer. Als Letzterer war er stets bereit, seine Techniken zu verbessern und Neues dazuzulernen. Das gilt insbesondere für die Techniken der Selbstverteidigung. Sobald eine Technik, einen Angriff, seiner Meinung nach, nicht ausreichend abwehrte, entwickelte er eine passende Lösung.

Es gab Menschen, die behaupteten, dass das BJJ bis 1990 lediglich eine Form des Judo sei. Dieser Behauptung pflichteten weder Hélio Gracie noch seine Schüler bei, denn im Gracie Jiu Jitsu geht es darum, einen Kampf endgültig zu gewinnen.

In den Kämpfen hat sich in der Regel die Mount bewährt. Sie stammt aus dem Gracie Jiu Jitsu. Keine andere Kampfkunst nutzt diese Position. Stattdessen existieren Haltegriffe, wie im Judo der Kesa-gatame. In einem direkten Vergleich mit den BJJ Techniken, die im Bodenkampf zum Einsatz kommen, ist dieser – sowie andere Haltegriffe – weniger effektiv. Deshalb erfreut sich die Mount einer hohen Attraktivität, weil sie dabei hilft, aus einem Kampf als Sieger hervorzugehen.

Im Laufe der Jahre hat sich jedoch das Punktesystem im BJJ verändert. Auch das einstige Prinzip, das im Gracie Jiu Jitsu dominierte, ist mit der Zeit verblasst. Um welches Prinzip handelt es sich dabei? Drehe deinem Gegner niemals den Rücken zu.

Hélio Gracie weigerte sich, Techniken zu akzeptieren, die seine Variante des Brazilian Jiu Jitsu untergruben, weshalb er aus dem Jiu Jitsu Verband austrat. Selbst als eine Delegation aus Japan nach Brasilien reiste, um ihm den schwarzen Gürtel zu überreichen, liess er sich nicht umstimmen. Die Mission fiel ins Wasser.

Warum existieren unterschiedliche Ansichten über das Gracie Jiu Jitsu?

Das Gracie Jiu Jitsu fokussiert sich auf die Selbstverteidigung. Hélio Gracie entwickelte ein Kampfsystem, das Schläge, Takedowns, Grappling sowie Bodentechniken beinhaltet. Dabei liegt der Fokus auf einem Gegner, der sich durch eine physische Überlegenheit auszeichnet. Das Ziel besteht darin, diesen mithilfe der passenden Technik, zu schlagen.

Bücher hat Hélio Gracie nicht verfasst, weshalb sich genau aus diesem Grund Anhänger aus den unterschiedlichen Kampfkünsten über das BJJ streiten. Sie kommen nicht auf einen gemeinsamen Nenner. Das einzige Schriftstück, das Hélio Gracie hinterlassen hat, ist der Gracie Jiu Jitsu Master Text. Er war ein Philosoph mit einer tiefgründigen Strategie. Seine Ansicht liess sich schwer in Worte fassen und in ein Buch niederschreiben. Aus diesem Grund hat kein Autor ein Werk über das Gracie Jiu Jitsu verfasst.

Demzufolge fällt es manchen Kampfkünstlern schwer, einen Beitrag zum Gracie Jiu Jitsu zu leisten, da sie ihn nie persönlich getroffen haben. Sie können seine Sichtweise nicht nachvollziehen. Dementsprechend fällt es ihnen schwer, das Gracie Jiu Jitsu zu würdigen, da sie es nicht verstehen.

Wenn es dann im Anschluss um die Techniken des Gracie Jiu Jitsu geht, sieht es für diejenigen, die Hélio Gracie nicht kannten, gut aus. Denn seine Techniken sind weder erfunden noch erschaffen, stattdessen hat er sie umgewandelt. Er hat sie so verändert, dass physisch schwächere Personen, einen körperlich überlegenen Angreifer besiegen können.

Das System von Hélio Gracie war nicht nur minimalistisch geprägt, sondern speziell auf Kampfsituationen ausgerichtet. Die Abwesenheit von Regeln – oder besser gesagt, die minimale Anzahl von Vorschriften – kreierte seine einzigartige Strategie. Diese unterschied sich definitiv vom Judo, das Kämpfer in der damaligen Zeit praktiziert haben.

Eine Person, die eine andere Kampfkunst praktiziert hatte, hätte vermutlich einen Kampf, der nach den Regeln von Hélio Gracie spielte, nicht überlebt. Heutzutage ist es jedoch alles andere als einfach, einen Lehrer zu finden, der die Kampfkunst Gracie Jiu Jitsu lehrt. Das liegt daran, dass die Sportkomponente dominiert und mittlerweile Oberhand gewonnen hat. Zahlreiche Menschen sind darauf erpicht, Medaillen zu gewinnen. Genau diesen Personen mangelt es jedoch an Zeit, Techniken zu erlernen, die sich auf einen Messerangriff oder eine Bärenumarmung fokussieren. Das liegt an der beschränkten Zeitverfügbarkeit.

Fazit

Hélio Gracie hat Jiu Jitsu nicht erfunden, sondern kontinuierlich weiterentwickelt, damit es mit seinen Strategien harmoniert.