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Wer ist Rickson Gracie?
01.10.2023
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Anfänge des Gracie Jiu Jitsu-Kämpfers

Rickson Gracie wurde am 21. November 1958 in Río de Janeiro geboren und wuchs in den Favelas der Hauptstadt auf. Als einer von insgesamt neun Söhnen des Gracie Jiu Jitsu Grossmeisters Hélio Gracie verbrachte Rickson während seiner Kindheit bereits viel Zeit auf der Matte. Er beobachtete seinen Vater und seine Onkel häufig bei sogenannten Gracie Challenges und trainierte bereits in jungen Jahren die Kampfkunst mit seinen Brüdern. Im Alter von 6 Jahren nahm er an seinem ersten Jiu Jitsu-Wettkampf teil. Die Kampfkunst hatte zu dieser Zeit noch keine grosse Bekanntheit und die Mission seines Vaters war es, die Welt von der Effektivität des Gracie Jiu Jitsu zur Selbstverteidigung zu überzeugen. Hélio erkannte früh das Talent von Rickson und wählte ihn als den stärksten Repräsentanten der nächsten Generation aus. Hélio soll ihn aufgrund seiner Kraft und dem herausragenden Kampfstil des Öfteren als „Urso“ (Bär) im Training bezeichnet haben. Im Alter von 15 Jahren begann Rickson in der Akademie seines Vaters Gracie Jiu Jitsu zu unterrichten. Mit 18 Jahren erhielt Gracie bereits seinen schwarzen Gürtel im BJJ und galt als der stärkste Vertreter der Gracie Familie.

Rickson betrachtete sich ausschliesslich als Gracie Jiu Jitsu-Kämpfer und trainierte keine anderen Disziplinen für anstehende Vale Tudo-Kämpfe, der Vorläufer des heutigen MMA, in denen es kaum Regeln gab. Er stellte sich den besten Kämpfern aus verschiedenen Kampfkünsten, um die Überlegenheit des Gracie Jiu Jitsu zu beweisen. Rickson kämpfte im Mittelgewicht bis zu 84 kg und der offenen Gewichtsklasse. Zu seinen bevorzugten Techniken gehörten der Armhebel und Mata Leao (Rear Naked Choke).

Karriere als Gracie Jiu Jitsu-Kämpfer

Im Jahr 1980 kam es zu einem legendären Kampf zwischen Gracie und dem zu dieser Zeit besonders gefürchteten Rei Zulu. Jeder andere lehnte es ab, gegen den 100 Kilogramm schweren Gegner anzutreten. Gracie nahm dagegen die Herausforderung in einem Vale Tudo-Wettkampf an und besiegte Zulu in der dritten Runde durch Mata Leao vor grossem Publikum. Rickson war der erste Kämpfer, der den legendären und bis dahin ungeschlagenen Zulu mit einem Rekord von 140 gewonnen Kämpfen besiegte. Einige Jahre später verlangte der Ringer einen Rückkampf, den Rickson ebenfalls vorzeitig durch Würgegriff für sich entscheiden konnte. Das Event fand vor 20.000 Zuschauern im Ginásio do Maracanãzinho in Río de Janeiro statt. Nach den beiden Siegen gegen Zulu hatte Rickson sich einen Namen in Brasilien gemacht und galt bereits im Alter von 25 Jahren als einer der besten Kämpfer im Land. Zudem war Rickson fast zwei Jahrzehnte lang Jiu Jitsu Weltmeister im Mittelgewicht und der offenen Gewichtsklasse.

Der Kampfstil Luta Livre zählte zu den besten und populärsten Kampfsystemen Brasiliens zu dieser Zeit. Als Repräsentant seiner Familie nahm Rickson jede Herausforderung an und so kam es zu einem Kampf am Strand von Río gegen den Luta Livre-Kämpfer Hugo Duarte, der die Gracie Familie beleidigte. Rickson entschied den Kampf für sich. Duarte behauptete jedoch später, dass Gracie ihn durch einen glücklichen Treffer besiegte. Es kam zu einer zweiten Begegnung, die Rickson ebenfalls gewann und so den Ruf des Gracie Jiu Jitsu erneut verteidigte. Strassenkämpfe und schnell organisierte Gracie Challenges waren zu dieser Zeit die Norm, Rickson soll über 400 solcher Herausforderungen bestritten und für sich entschieden haben.

Im Jahr 1989 wanderte Gracie in die Vereinigten Staaten aus und half seinem älteren Bruder Rorion bei der Gründung der ersten Gracie Jiu Jitsu Akademie in Torrance, Kalifornien. Er unterrichtete selbst in der Akademie und machte die Kampfkunst zusammen mit seinen Brüdern, unter anderem nach der Gründung der Ultimate Fighting Championship in Amerika, bekannt.

Vale Tudo Japan und die Yoji Anjo-Geschichte

Im Jahr 1994 erhielt Rickson eine persönliche Einladung zu einem Vale Tudo-Turnier in Japan, eine vielversprechende Möglichkeit, die Kampfkunst der Familie Gracie auf internationaler Bühne zu präsentieren. Das Turnier „Vale Tudo Japan 1994“ fand mit acht der besten Kämpfer unterschiedlicher Disziplinen an einem Veranstaltungsabend statt. Der spätere Sieger Rickson würde drei dominante Siege einfahren und seinen Status als erstklassiger Kämpfer auf internationaler Bühne unter Beweis stellen. Im darauffolgenden Jahr trat Gracie erneut bei „Vale Tudo Japan“ an, gewann zum zweiten Mal mit vorzeitigen Siegen durch Aufgabegriffe seine Kämpfe und baute seinen tadellosen Rekord weiter aus. Das ausverkaufte Stadion mit japanischem Publikum war hell begeistert von seinem Kampfstil und sprach ihm einen „Samurai Spirit“ zu, eine grosse Ehre im Japan.

Nach Ricksons spektakulären Siegen in Japan fühlten sich einige japanische Kämpfer in ihren Kampfkunsttraditionen entehrt. Gracie wurde daraufhin von dem japanischen Profi-Ringer Nobuhika Takada öffentlich zu einem Kampf herausgefordert. Rickson ignorierte die Herausforderung. Kurze Zeit später reiste ein Schüler Takadas, Yoji Anjo, nach Amerika. Er forderte Rickson persönlich in dessen Akademie zu einem Kampf in einer japanischen Veranstaltung heraus, um die Ehre seines Meisters wiederherzustellen. Gracie bestand jedoch auf einen Vale Tudo-Kampf an Ort und Stelle, hinter verschlossener Tür und ohne Publikum oder Presse. Widerwillig akzeptierte Anjo die Bedingungen und es kam zum Kampf in der Akademie von Gracie. Trotz klarer Überlegenheit entschied sich Rickson seine Dominanz im Kampf zu untermauern und verprügelte Anjo, nachdem er ihn zu Boden brachte und sich die Mount-Position sicherte. Die Familie Gracie ist bis heute im Besitz der Aufnahmen des Kampfes, ohne diese je veröffentlicht zu haben. Später wurden Fotos von Yoji Anjos blutigem und angeschwollenem Gesicht von Fotografen vor Ort veröffentlicht und der aufgenommene Kampf in einer Pressekonferenz gezeigt, um die öffentlichen Anschuldigungen Anjos, von mehreren Schülern Gracies attackiert worden zu sein, zu widerlegen.

Pride Japan und Karriereende

Im Jahr 1997 kehrte Rickson schliesslich zurück nach Japan, um im Tokyo Dome bei der ersten Veranstaltung von Pride vor knapp 50.000 Zuschauern gegen Takada anzutreten. Der Kampf endete schnell zugunsten von Gracie durch Armhebel in der ersten Runde. Im folgenden Jahr gab Gracie Takada erneut die Chance, sich in einem Rückkampf bei Pride 4 zu rehabilitieren. Trotz guter Leistung besiegte ihn Rickson erneut in der ersten Runde durch einen Armhebel.

Im Jahr 2000 stellte sich Gracie zunächst dem besten Kämpfer Japans in Masakatsu Funaki. Mehr als 30 Millionen Menschen sollen den Kampf im Fernsehen live verfolgt haben. Rickson gewann in der ersten Runde durch Mata Leao. Nachdem der japanische Kämpfer Kazushi Sakuraba, auch als „Gracie Hunter“ bekannt, Royler bei Pride 8 und drei weitere Gracies besiegte, forderte er Rickson heraus. Der Kampf kam jedoch nie zustande. Gracie beendete seine Karriere früh, da sein ältester Sohn Rockson im Alter von nur 19 Jahren 2001 verstarb. Nach dem Tod seines ersten Kindes nahm sich Rickson eine längere Auszeit vom Brazilian Jiu Jitsu. Nach einigen Jahren führte er das eigene Training und den Unterricht von BJJ mit dem Aspekt der Selbstverteidigung fort, mit Fokus auf seinen Sohn Kron, um die Familientradition weiterzuführen. Kron würde einige Zeit später Europameister und Vize-Weltmeister im Brazilian Jiu Jitsu werden und im Jahr 2013, das weltweit prestigeträchtige Grappling-Event ADCC dominant gewinnen.

Vermächtnis einer Kampfkunst-Legende

Rickson Gracie gilt als eine Legende und einer der besten Gracie Jiu Jitsu Kämpfer aller Zeiten, der unbesiegt seine aktive Karriere beendete. Durch zahlreiche Vale Tudo-Kämpfe in den 80er- und 90er-Jahren in Brasilien und Japan, trug Rickson massgeblich zur Verbreitung des Kampfstils der Gracies bei. Neben dem Brazilian Jiu Jitsu hat sich Rickson einen Namen als ungeschlagener Kämpfer im MMA mit einem Kampfrekord von 11 Siegen gemacht. Im Jahr 2014 wurde Rickson in die Legends of MMA Hall of Fame aufgenommen. Während der Hochphase seiner Karriere wurde in einem eindrucksvollen Dokumentarfilm mit dem Titel „Choke“ über das Turnier „Vale Tudo Japan 1994“ zu seiner Vorbereitung und dem Wettkampf berichtet. Zudem gibt es ein Buch über das Leben von Rickson Gracie mit dem Titel „Breathe: A Life in Flow“.

Rickson unterrichtete als Nahkampfausbilder seine Techniken zahlreichen taktischen Einheiten weltweit. Hierzu zählen unter anderem Einheiten der brasilianischen BOPE (Spezialeinheit der Polizei), US Army Delta Force, US Navy Seals, LASD Special Enforcement Bureau und LAPD Metro Division.

Aktuell ist Rickson Träger des roten Gürtels 9. Grades und unterrichtet weiter BJJ mit dem Aspekt der Selbstverteidigung. Zudem hat er einen schwarzen Gürtel im Judo. Neben den Kampfkünsten praktizierte Rickson während seiner gesamten Karriere bis heute intensiv Yoga und spezielle Atemübungen, die bei der Entwicklung mentaler und körperlicher Stärke helfen.