Carlson Gracie kam am 13. August 1932 in Rio de Janeiro zur Welt. Als ältester Sohn von Carlos Gracie, dem Mitbegründer des Gracie Jiu Jitsu, wuchs er mitten in der Familie auf, die das Brazilian Jiu Jitsu in Brasilien geformt und später weit über die Grenzen hinausgetragen hat. Sein Vater Carlos hatte gemeinsam mit seinem Bruder Hélio Gracie ein eigenständiges System aus den Lehren des japanischen Judoka Mitsuyo Maeda entwickelt. Für den jungen Carlson war Gracie Jiu Jitsu damit kein Sport, den er irgendwann entdeckte, sondern Alltag von klein auf. Er trainierte unter seinem Vater Carlos und seinem Onkel Hélio bereits als kleines Kind.
Mit 15 Jahren verliess Carlson die Schule, um sich vollständig dem Brazilian Jiu Jitsu zu widmen. Schon mit 17 Jahren gewann er das Campeonato Carioca de Jiu Jitsu, die erste offizielle Staatsmeisterschaft im Bundesstaat Rio de Janeiro. Das Talent war früh sichtbar, und der Name wurde es bald auch.
In den 1950er Jahren übernahm Carlson Gracie eine zentrale Rolle als aktiver Wettkämpfer der Familie. Sein bekanntester Auftritt fand am 21. Juli 1956 im Maracanãzinho in Rio de Janeiro statt. Die Halle war mit 40.000 Zuschauern ausverkauft, die Zeitungen widmeten dem Ereignis Titelseiten, und das Fernsehen übertrug live. An diesem Abend traf Carlson auf Waldemar Santana, einen der damals bekanntesten Vale Tudo Kämpfer Brasiliens, und überzeugte mit einem starken Auftritt. Über Nacht wurde der junge Gracie zu einer nationalen Figur, und das Gracie Jiu Jitsu war wieder im Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit.
Danach folgten Jahre voller Kämpfe gegen Vertreter ganz unterschiedlicher Disziplinen, von Capoeira über Luta Livre bis hin zu Ringen und Boxen. Fast zwei Jahrzehnte lang war Carlson das aktive Wettkampfgesicht der Gracie Familie und einer der bekanntesten Namen im Brazilian Jiu Jitsu in Brasilien.
Neben dem Gracie Jiu Jitsu trainierte Carlson intensiv Judo und Ringen. Sein Spiel war athletisch, mit viel Druck von oben, und dieser Ansatz brachte ihm im Wettkampf wie in der Selbstverteidigung klare Vorteile. Im offenen Vergleich mit Kämpfern aus den verschiedensten Disziplinen zeigte er Jahr für Jahr, was das System der Familie leisten kann. Diese Auftritte gaben dem Gracie Jiu Jitsu in Brasilien und darüber hinaus eine breite Glaubwürdigkeit, von der heute viele moderne Akademien profitieren.
Mitte der 1960er Jahre eröffnete Carlson Gracie seine eigene Akademie in Copacabana, an der Rua Figueiredo Magalhães. Über die nächsten vier Jahrzehnte wurde diese Adresse zu einer der wichtigsten Anlaufstellen für BJJ in Brasilien.
Carlson wollte, dass Brazilian Jiu Jitsu auch ausserhalb der kleinen Zirkel der Stadt eine Chance bekommt. Er förderte den Gruppenunterricht und liess auch junge Menschen aus einfachen Verhältnissen trainieren. Wer Talent zeigte und für sein Team in den Wettkampf ging, trainierte gratis. Schon nach wenigen Jahren standen in der Akademie ungewöhnlich viele starke Athleten gleichzeitig auf der Matte, und die Schule wurde zum Anziehungspunkt für ambitionierte Wettkämpfer.
Ab den 1970er Jahren wurde die Carlson Gracie Academy zu einem der erfolgreichsten Wettkampfteams im Brazilian Jiu Jitsu. In den 1980er und frühen 1990er Jahren galt sie als eine der stärksten Schulen Brasiliens. Aus ihren Reihen kamen Athleten, die das BJJ und das moderne MMA bis heute mitprägen.
Ricardo De La Riva entwickelte als junger Schüler in den 1980er Jahren eine eigene Guard Position, die heute als De La Riva Guard zum festen Vokabular jeder modernen BJJ Schule gehört. Ricardo Liborio gewann 1996 die erste BJJ Weltmeisterschaft im Superschwergewicht. Murilo Bustamante wurde 2002 UFC Middleweight Champion. André Pederneiras gründete später Nova União, eine der erfolgreichsten BJJ Akademien weltweit. Vitor Belfort begann seine Karriere unter Carlson und wurde zu einem der bekanntesten Namen der UFC Geschichte.
Insgesamt brachte Carlson Gracie über 100 Schüler bis zum schwarzen Gürtel im Brazilian Jiu Jitsu. Aus seiner Linie entstanden Akademien, die heute international zu den wichtigsten zählen, darunter Brazilian Top Team, American Top Team und Nova União.
Lange bevor der Begriff MMA überhaupt verwendet wurde, war Carlson Gracie schon ein erfahrener Vale Tudo Kämpfer. Als Rorion Gracie 1993 in den USA die erste Ultimate Fighting Championship gründete und Royce Gracie das Turnier prägte, hatte Carlson in Rio seit Jahren eine Schule voller kampferprobter Athleten aufgebaut. Sein Schüler Murilo Bustamante gab im Jahr 2000 sein UFC Debüt und gewann zwei Jahre später den Titel im Mittelgewicht. André Pederneiras baute mit Nova União eine Akademie auf, aus der UFC Champions wie José Aldo hervorgingen.
Auch in seinen späteren Jahren blieb Carlson nahe am Wettkampf. Bei der ersten Staffel der UFC Reality Show The Ultimate Fighter im Jahr 2005 stand er als Corner Mann hinter dem US Amerikaner Stephan Bonnar. Das Finale zwischen Bonnar und Forrest Griffin gilt bis heute als einer der wichtigsten Kämpfe der UFC Geschichte und markierte den Durchbruch des Sports in Nordamerika.
Carlson Gracie starb am 1. Februar 2006 in Chicago im Alter von 73 Jahren. Zum Zeitpunkt seines Todes trug er den roten Gürtel im 9. Grad und den Titel eines Grandmasters im Brazilian Jiu Jitsu.
Am 12. August 2019 wurde zu seinen Ehren auf der Praça Shimon Peres in Copacabana eine Bronzestatue eingeweiht, an der Ecke der Strassen Figueiredo de Magalhães und Tonelero, ganz in der Nähe seiner ursprünglichen Akademie. Die Statue stammt vom brasilianischen Bildhauer Edgar Duvivier und wurde von Schülern und Freunden Carlsons finanziert.
Carlson Gracie gehört zu den wichtigsten Persönlichkeiten in der Geschichte des Brazilian Jiu Jitsu. Als aktiver Wettkämpfer trug er den Namen seiner Familie über viele Jahre, als Trainer und Akademiegründer prägte er die Art, wie Gracie Jiu Jitsu unterrichtet und weitergegeben wird. Sein offener Zugang zum Unterricht, sein Gespür für Talente und sein klarer Fokus auf den Wettkampf legten die Grundlage für viele der erfolgreichsten Akademien im modernen BJJ und im MMA.