Das Gerücht, Jiu Jitsu sei eine Kopie des Judo, kursiert in der Welt der Kampfkünste. Doch die Antwort auf die Frage, ob das tatsächlich zutrifft, lässt sich eindeutig mit einem Nein beantworten. Kampfkünstler, die sowohl BJJ als auch Judo praktizieren, kennen die Unterschiede und Gemeinsamkeiten.
Um den Unterschied zwischen BJJ und Judo zu verstehen, lohnt es sich, die beiden Sportarten Beachsoccer und Hallenfussball genauer zu analysieren. Obwohl beide Sportarten Formen des Fussballs darstellen, existieren Differenzen im Hinblick auf die Spielfläche, Regeln und Spieleranzahl. Beachsoccer spielen fünf Mannschaften auf dem Sand. Im Gegenzug dazu sind beim Hallenfussball sechs Spieler pro Mannschaft auf einem Rasen oder Kunstrasen vertreten. Dieses Beispiel verdeutlicht zwar, dass sich die beiden Sportarten ähneln, jedoch nicht identisch sind. Obendrein unterscheiden sie sich deutlich voneinander. Sie sind nicht einmal mehr mit dem Ursprungsfussball verbunden. Dasselbe trifft in Bezug auf die Differenzen und Gemeinsamkeiten beim BJJ und Judo zu. Dabei lässt sich das Beachsoccer mit dem Brazilian Jiu Jitsu vergleichen, wohingegen Judo den Hallenfussball repräsentiert.
Hélio Gracie hat stets mit Dankbarkeit über das Judo gesprochen. Im Gegenzug dazu existieren mittlerweile Behauptungen, die das Ziel verfolgen, das BJJ zu entwürdigen und zu degradieren. Eine genaue Auseinandersetzung mit der Thematik liefert jedoch Beweise, die das genaue Gegenteil offenlegen. Denn das BJJ enthält Besonderheiten.
Ferner durchlief das BJJ, das Hélio Gracie mit seinen Brüdern entwickelte, zahlreiche Transformationsprozesse. Sie haben ihre eigene Methodik entworfen. Gemeinsamkeiten mit anderen Kampfkünsten, die sich nicht leugnen lassen, sind vorhanden. Allerdings liegt der Augenmerk auf den Regeln, die lediglich das BJJ als Kampfkunst definieren.
Das Judo gestattet den Judoka, ihren Gegnern den Rücken zuzudrehen. Im Brazilian Jiu Jitsu hingegen ist diese Position verboten. In der Theorie des BJJ gleicht das Wegdrehen vom Angreifer einem Schliessen der Augen. Hierbei handelt es sich um einen fundamentalen Unterschied zwischen dem Brazilian Jiu Jitsu und dem Judo.
Judoka drehen ihrem Tori den Rücken zu, wenn er sie im Haltegriff festhält. Obendrein gibt es einen Schiedsrichter, der mate ruft. Mit diesem japanischen Begriff beendet er den Kampf. Wann geschieht das? Dann, wenn sich der Judoka für einen bestimmten Zeitraum aus dem Haltegriff des Angreifers nicht befreit. Mate repräsentiert zwar nicht immer das Kampfende, sondern steht auch für das Beenden der jeweiligen Position. Somit bekommt der Kämpfer, der in der schlechteren Lage war, dank des Schiedsrichters, eine neue Chance, um den Kampf fortzusetzen.
Das ist ein wichtiger Unterschied zur Kampfkunst BJJ. Im Gracie Jiu Jitsu setzen die Kämpfer den Kampf so lange fort, bis einer der beiden den Kampf beendet. Das Abklatschen, welches für das Ende eines Kampfes steht, war neu. Dadurch stieg der Bekanntheitsgrad des Brazilian Jiu Jitsu. Gleichzeitig erfreute sich diese Art der Selbstverteidigung einer hohen weltweiten Popularität. Hierbei handelt es sich um ein Ergebnis, das zwar nicht in Brasilien erschaffen, jedoch entwickelt wurde.
Das Gracie Jiu Jitsu leugnet keineswegs seine Verbindung zu Japan, denn die Bezeichnung stammt aus dem Japanischen. Dennoch fand die Entwicklung der Kampfkunst in Brasilien statt. Selbstverständlich basiert das Gracie Jiu Jitsu auf unterschiedlichen Quellen, aus denen sich die Kampfkunst stets weiterentwickelt hat. Es setzt sich aus unterschiedlichen Einflüssen verschiedener Kampfkunstarten zusammen.
Dennoch lässt sich das BJJ nicht mit Judo vergleichen. Die Etikette, die Methodik, die Techniken und die Ziele sind anders. Ebenso hat sich, analog zum Judo, aus der Kampfkunst BJJ ein Wettkampfsport entwickelt. Doch die entscheidende Frage lautet: Warum ist die Kampfkunst keineswegs eine Kopie des Judos? Was definiert das Judo? Richtig: Es setzt sich überwiegend aus Wurftechniken und Regeln zusammen. Dieser Punkt lässt sich erneut mit Fussball vergleichen, denn dort existieren eiserne Regeln: Nur die Beine kommen zum Einsatz und das Ziel besteht darin, Tore zu schiessen.
Die Gracie Brüder haben sich jedoch geweigert, die Judo-Regeln zu akzeptieren und umzusetzen. Auf diese Weise entstand automatisch eine neue Kampfkunst. Ferner bestand das Ziel darin, eine Kampfkunst zu entwickeln, die sich als effektive Waffe für die Selbstverteidigung nutzen lässt. Der BJJ, der sich in den 1960-ern und 1970-ern zu einem Sport entwickelte, basierte auf den Bewegungen, die aus den Techniken der Selbstverteidigung des Gracie Jiu Jitsu stammen. Dabei haben die Gründer des Sports das Ziel verfolgt, einen Wettkampfsport zu entwickeln, der das Ziel der Selbstverteidigung vernachlässigt. Als Grundlage dienten jedoch die Techniken des Brazilian Jiu Jitsu.
Jigoro Kano hat das Gürtelsystem mit den unterschiedlichen Kyu- und Dan-Graden im Judo entwickelt. Im BJJ existiert ebenfalls ein Gürtelsystem, das sogar auf der Idee von Jigoro Kano basiert. Allerdings fusst seine Arbeit auf dem Jiu Jitsu. Somit spielt die Graduierung in den beiden Kampfkünsten ebenfalls eine Rolle. Allerdings weist sie signifikante Unterschiede auf. Bei einer Kopie wäre das nicht der Fall.
Fazit: Das Jiu Jitsu ist keine Kopie des Judo.